Maßanzug vs Konfektionsanzug – Design schlägt Passform

Die meisten Blogartikel zum Thema Maßanzug vs Konfektionsanzug teilen die Welt in drei Stufen ein: Ready to Wear, Made to Measure, Bespoke. Als wäre das eine Qualitätsleiter, die man hochklettert. Unten billig, oben teuer, dazwischen der vernünftige Kompromiss. Ich halte das für Unfug.

Diese Dreiteilung suggeriert, dass der Wert eines Kleidungsstücks hauptsächlich davon abhängt, wie eng es an deinen Körper angepasst ist. Und genau das ist der Denkfehler. Denn wenn du dir überlegst, warum du ein bestimmtes Sakko kaufst, warum du zu einem bestimmten Schneider gehst, warum du eine bestimmte Marke trägst, dann ist es nicht die Passform, die dich dorthin gebracht hat. Es ist eine Designsprache. Eine Vision. Etwas, das dir gefällt, bevor du es anprobierst.

Was die drei Stufen bedeuten

Damit wir vom Gleichen reden: Ein Konfektionsanzug (Ready to Wear) ist fertig genäht und kommt in Standardgrößen; angepasst wird höchstens nachträglich, vom Änderungsschneider. Maßkonfektion (Made to Measure) nimmt deine Maße und lässt einen bestehenden Standardschnitt darauf anpassen, industriell gefertigt, meist ohne Anprobe am halbfertigen Teil. Maßschneiderei (Bespoke) entwickelt ein eigenes Schnittmuster für dich und passt es in mehreren Anproben direkt am Werkstück an.

So weit die Lehrbuch-Dreiteilung. Was sie verschweigt: Auf welcher Stufe du kaufst, sagt nichts darüber, wer sich das Kleidungsstück ausgedacht hat. Und genau davon handelt dieser Artikel.

Der US-Blog Die Workwear hatte die bessere Sortierung schon 2016 in einem Satz:

"I'll take good RTW over bad MTM, and good MTM over bad bespoke."

Gut schlägt Stufe, in beide Richtungen. Die Leiter sortiert nur nach der falschen Achse.

Hundert Stufen zwischen Stange und Savile Row

Stell dir eine Linie vor. Links steht ein Polyester-Anzug von der Stange für 99 Euro. Rechts steht ein Bespoke-Anzug von Anderson & Sheppard, drei Anproben, handgenähtes Knopfloch, Monate Wartezeit. Dazwischen liegen nicht drei Stufen, dazwischen liegen hundert.

Da gibt es zum Beispiel Unfinished Ready to Wear, wo die Hosenbeine ungesäumt kommen, weil die Silhouette nicht davon abhängt, ob dein Bein 78 oder 82 Zentimeter lang ist. Dazu später mehr.

Und Ready to Wear ist auf dieser Linie kein Punkt, sondern selbst ein Spektrum. Ein verklebtes Polyester-Sakko und ein Sakko von Drake's oder Ring Jacket hängen beide fertig auf der Stange, aber dazwischen liegt fast die ganze Linie: Stoff, Einlage, wie viel an der Front verklebt statt pikiert ist, also geklebt statt mit angenähter Einlage gearbeitet, und ob das Armloch hoch oder auf Nummer sicher tief geschnitten ist. Gutes Ready to Wear muss sich vor vielen MTM-Anbietern nicht verstecken. Schlechtes ist der linke Rand der Linie.

Auch das Ausmaß der Handarbeit taugt nicht als Sortier-Kriterium für die Leiter. Der 99-Euro-Anzug ist komplett von Maschinen verarbeitet, so billig und so schnell wie möglich. Bei Kiton oder Cesare Attolini entsteht so gut wie jede Naht von Hand, und am Ende hängt trotzdem ein Ready-to-Wear-Anzug auf der Stange, für die meisten Käufer preislich so unerreichbar wie Bespoke. Handarbeit ist ein Kostenfaktor, oft auch ein Qualitätsfaktor, aber keine Stufe der Leiter.

MTM ist genauso ein Spektrum. Da gibt es den Online-Konfigurator, der deine Maße in einen Standardblock rechnet, ein fertiges Grundschnittmuster, und dir das Ergebnis per Post schickt, ohne dass dich je ein Mensch gesehen hat. Und da gibt es Häuser mit eigenem Schnittblock, echter Anprobe und einem Verkäufer, der dir die Kontrastnaht ausredet. Beides läuft unter Made to Measure. Es ist nicht dasselbe Produkt. Und da gibt es den riesigen, amorphen Bereich in der Mitte, in dem sich MTM-Anbieter tummeln, die keinerlei Designsprache mitbringen.

Das hat einen Grund. Die meisten dieser Anbieter sind primär Konfiguratoren, und die Konfiguratoren laufen am Backend über eine Handvoll großer Produzenten, die für viele Brands gleichzeitig fertigen. Wenn dein MTM-Anbieter sich vor allem über die Konfiguration definiert, bekommst du am Ende ungefähr das, was du beim Nachbarn auch bekommen hättest. Mit anderem Logo.

Und selbst der rechte Rand der Linie ist kein anderer Planet. Die Workwear weist im selben Text darauf hin:

"many bespoke tailors – including those on Savile Row – use block patterns, which means they're not really drafting something from scratch."

In Wahrheit laufen hier mehrere Achsen gleichzeitig, jede mit ihren eigenen hundert Stufen. Die Verarbeitung: verklebt, Half Canvas, Full Canvas, und dazwischen jede Mischform, bis zum handgenähten Milanese-Knopfloch am Revers, während die restlichen Knopflöcher aus der Maschine kommen. Der Stoff: Für mehr Geld bekommst du Besseres, bis die Kurve abflacht, denn feiner heißt oft nur teurer, und im Vicuña, der teuersten Wolle der Welt, siehst du nicht zwangsläufig besser aus als in guter Schurwolle, nur exklusiver. Die Vertriebsform, Stange, Maßkonfektion oder Schneider, ist nur eine dieser Achsen, und von allen sagt sie über das Ergebnis am wenigsten.

Die Linie ist an beiden Enden fließend. Umso weniger taugt sie als Qualitätsleiter.

Was Ready to Wear und Bespoke gemeinsam haben

Das klingt erstmal widersprüchlich. Der Konfektionsanzug für 400 Euro und der 5.000-Euro-Maßanzug sollen etwas gemeinsam haben?

Ja. Wenn beides gut ist, dann ja.

Nimm den Power Suit der Achtziger. Breite, gepolsterte Schultern, kastiger Schnitt, die Silhouette, die jeder aus den Wall-Street-Filmen kennt. Man kann den Look heute albern finden, darum geht es hier nicht. Die Leute haben ihn gekauft, weil es ihn als klare ästhetische Entscheidung gab: So will ich wirken. Niemand kaufte damals „einen Anzug, der gut sitzt“, die Leute kauften eine Haltung von der Stange. Das war Ready to Wear mit einer Vision, ob die Vision gut gealtert ist oder nicht.

Und jetzt nimm einen klassischen Savile-Row-Schneider. Henry Poole, Huntsman, Anderson & Sheppard, jeder hat einen eigenen Hausstil. Anderson & Sheppard schneidert eine weiche, schmale Schulter, ein hohes Armloch und Mehrweite in Brust und Schulterblatt. Huntsman macht strukturierte, tailliertere Silhouetten. Du gehst nicht zu Anderson & Sheppard, weil du „vermessen werden" willst. Du gehst hin, weil du deren Schnittphilosophie willst. Die Maße sind das Werkzeug, nicht das Produkt.

Das verbindende Element ist: In beiden Fällen, RTW und Bespoke, kaufst du eine Design-Entscheidung, die jemand anderes getroffen hat. Jemand hat sich überlegt, wie eine Schulter fallen soll, wie hoch der Bund sitzt, wie breit das Revers ist. Und du sagst: ja, genau das will ich.

Das faule Ei der Herrenmode

Und dann gibt es die dritte Gruppe. Made to Measure, wie es die meisten kennen.

Du gehst in ein Geschäft, meistens in einer Einkaufsstraße, meistens mit einem hellen, cleanen Showroom. Jemand nimmt deine Maße. Dann darfst du konfigurieren: Stoff aussuchen, Knopffarbe, Kontrastnähte, Lining. Vielleicht lässt sich noch das Revers anpassen, schmal, mittel, breit. Ein digitaler Konfigurator. Und das Ergebnis? Ein Anzug, der sitzt. Der deine Maße hat. Aber der keine Designsprache spricht.

Kein Mensch hat sich hingesetzt und überlegt: wie soll die Schulter dieses Anzugs den Träger wirken lassen? Welche Proportionen erzeugen wir am Körper? Stattdessen: ein generischer Schnittblock, auf deine Maße skaliert.

Und das Schlimmste: der einzige USP, den diese Anbieter kommunizieren, ist immer der gleiche. „Wir vermessen Sie, und Sie dürfen sich aussuchen, wie Ihr Anzug aussieht." Kontrastnähte. Crazy Lining. Monogramm. Wow, ein personalisierter Hochzeitsanzug. Dabei ist Personalisierung ohne Designkompetenz nichts weiter als eine Build-a-Bear-Werkstatt für Erwachsene.

Simon Crompton kommt auf Permanent Style nüchterner zum selben Ergebnis:

"Unless you are an unusual size (eg tall with very long arms), a RTW suit altered by a good tailor will often fit as well as a MTM suit of the same price. The only remaining advantage of MTM is that you can pick your material, lining and style. For some, that is significant."

Was bleibt, ist die Auswahl. Ich lese das so: Die meisten MTM-Anbieter verkaufen weder Mode noch Handwerk, sondern das Gefühl, sich etwas Eigenes zusammenzustellen. Heraus kommt ein Anzug ohne Charakter, ohne Linie, ohne Form.

Das verkauft sich so gut, weil du keinen Anzug kaufst, sondern ein Gefühl: Ich hab das selbst entworfen. Du bist der Designer, du entscheidest, du machst was Eigenes. Schöne Idee. Nur ist Design ein Beruf, und der wurde hier stillschweigend an dich delegiert. Und ja, manchmal kommt was Brauchbares raus, wenn der Verkäufer mitdenkt und nicht alles abnickt. Aber das ist Glückssache. Du weißt vorher nicht, ob du an jemanden Kompetenten gerätst oder an jemanden, dem es egal ist.

So klingt das dann. In einem r/de-Thread von 2020 schreibt ein Käufer, der gerade bestellt hat und noch auf seinen Anzug wartet:

„Das tolle daran ist einfach, dass es komplett nach deinen Wünschen gefertigt wird. Du kannst Stoffe aussuchen, Schnitte bestimmen, kleine Details anpassen, etc. Es wird dein Anzug. Das finde ich klasse. Mal sehen ob es das Geld wert ist."

„Es wird dein Anzug" und „Mal sehen ob es das Geld wert ist", direkt hintereinander. Die Begeisterung gilt dem Konfigurieren, nicht dem Anzug. Den gab es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht.

Drei Verkaufsargumente laufen bei diesen Anbietern immer wieder: maximale Konfiguration, perfekte Passform, und „wir verarbeiten Loro Piana". Wenn das deine drei Hauptargumente sind, hast du sonst nichts zu bieten. Die Stoffquelle ist ein Bruchteil des Endprodukts (Loro Piana verkauft an jeden, der bezahlt). Passform-Perfektion ist das Mindestmaß, keine Auszeichnung. Und Konfigurations-Spielraum ist nur dann wertvoll, wenn der Kunde tief im Thema ist. Wer mit diesen drei USPs verkauft, hat eine ziemlich langweilige Garderobe im Angebot.

Nach unten abgrenzen verkauft. Neulich erklärte der Gesellschafter eines Maßkonfektionärs in einem Reel ganz beiläufig, Ready to Wear sei „nur eine DIN-Norm", könne „weder deinen individuellen Bedürfnissen gerecht werden, noch besonders gut passen", sei „immer nur ein Kompromiss". Maßkonfektion dagegen: der Way to go. Das ist Bullshit, aber es ist genau das Marketing, das viele MTM-Läden seit Jahren fahren. Nicht das eigene Produkt erklären, sondern Ready to Wear schlechtreden.

Woran du den seelenlosen MTM-Laden erkennst, in sechs Zügen: Die Passform ist das ganze Versprechen („sitzt wie eine zweite Haut“, „Passformgarantie“), aber kein Satz sagt dir, wie der Anzug aussehen soll. Du sollst selbst designen, und es wird dir als Freiheit verkauft („jedes Detail bestimmst du“). Der Preis hängt allein am Stoff, gern in Klassen von Silber bis Diamant, von „renommierten Webereien“, der Schnitt kommt in der Preisliste nicht vor. Individualität heißt Detailkatalog: Monogramm, Kontrastnaht, auffälliges Innenfutter, alles inklusive. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis behauptet er selbst, wörtlich. Und der Produktionsort bleibt im Ungefähren, „Manufaktur in Europa“; wer auch nur das Land nennt, ist schon die Ausnahme. Was in all dem nie vorkommt: eine eigene Vorstellung davon, wie ein Anzug aussehen soll. Genau das ist die Seele, die fehlt.

Dazu kommt ein ökonomischer Punkt, der gegen das Maßkonfektions-Marketing spricht. Eine RTW-Marke kauft den Stoff in Serienmengen für einen Bruchteil und fertigt in Serie. Beim Maßkonfektionär zahlst du den einzeln zugeschnittenen Stoff, seinen Aufschlag und die teurere Einzelfertigung. Die Schnitt-Entwicklung amortisieren übrigens beide über ihre Stückzahlen, das ist kein Unterschied. Fürs gleiche Geld bekommst du bei gutem RTW deshalb oft mehr Stoff- und Verarbeitungsqualität, nicht weniger. „MTM ist Best Bang for the Buck“ stimmt darum höchstens für einzelne Häuser, nie für die Kategorie. Als Pauschalsatz ist es das Marketing derer, die davon leben.

Warum „guter Sitz" allein nichts wert ist

„Aber der Anzug sitzt doch." Ja. Und ein Fertighaus steht auch. Heißt nicht, dass ein Architekt daran beteiligt war.

Guter Sitz ist die absolute Grundvoraussetzung, kein Qualitätsmerkmal. Jeder Anzug, den du länger als zehn Minuten trägst, sollte sitzen.

Der Passform-Fetischismus wackelt außerdem schon handwerklich. Auch Maßkonfektion fertigt nur mit Toleranzen, Stoffe verhalten sich alle unterschiedlich, und ob der Angestellte, der dich vermisst, das Maßband halten kann, weißt du vorher nicht. Schlecht gemessen ist auch auf Maß.

Die ehrliche Gegenposition kommt ausgerechnet von Crompton, dem Text, den ich eben noch als Kronzeugen zitiert habe, im selben Text:

"For me, fit is always the most important thing about a suit, as it has such possibility to flatter a man – to make him look leaner, stronger and sharper."

Dass ein Anzug schmeichelt, kommt aus Proportionen, Balance, Reversbreite, Schulterform. Das sind Schnittentscheidungen, und die sind gefallen, bevor dich jemand vermessen hat.

Was einen guten Anzug von einem mittleren unterscheidet, sind Entscheidungen, die du als Laie nicht unbedingt benennen kannst, die du aber sofort siehst. Der Lapel Roll, also ob die Reverskante weich gerollt in den Stoff übergeht oder flachgepresst daliegt wie gebügelt. Die Button Stance, wo der Knopf sitzt und wie das die Proportionen des Oberkörpers verändert. Die Höhe des Armlochs. Ob die Schulter weich oder strukturiert gearbeitet ist. Ob die Hosenbeine eine eigene Linie haben oder einfach nur gerade runterfallen.

Das sind Designentscheidungen. Und sie können im Konfektionsanzug genauso gut, manchmal besser, umgesetzt sein wie im Maßanzug. Weil es auf die Person ankommt, die den Schnitt entwickelt hat, nicht auf die Person, die das Maßband hält.

Und ja, ein Maßanzug sitzt am Ende vielleicht einen Tick präziser. Aber ein guter RTW-Fit bringt dich auf den größten Teil vom Ergebnis. Den letzten Rest holt der Maßanzug vielleicht raus, aber das sind Diminishing Returns, ein Fetisch, kein sichtbarer Unterschied. Dein Anzug soll natürlich gut sitzen. Aber der Sitz-Fetisch verstellt den Blick auf das, was wirklich zählt: steckt eine Design-Entscheidung drin oder nicht.

Wann MTM trotzdem Sinn ergibt

Bevor jemand sagt: „MTM ist also grundsätzlich schlecht?" Nein. Zwei Sachen muss man dazu ehrlich sagen.

Erstens: es gibt MTM-Anbieter, die es richtig machen. Maximilian Mogg in Berlin zum Beispiel, oder House of Mercury. Die haben ein eigenes Produkt, einen Schnitt, eine klare Vorstellung davon, wie ein Anzug aussehen soll. Und viele von ihnen machen Ready to Wear und MTM nebeneinander. Du ziehst ihr RTW-Teil an, sie sehen genau, welche kleinen Änderungen es braucht, und machen dir dasselbe Teil auf dein Maß. Den Stoff suchst du dir aus, klar. Aber du fummelst nicht an der Schulterform rum oder gestaltest das Revers nach Lust und Laune um. Weil sie wissen, dass ihr Design funktioniert, und weil sie sich das auch nicht kaputt machen lassen.

Zweitens: auch die ganz normalen MTM-Schneider haben ein Skillset, das nicht banal ist. Welche Maße du bei welcher Körperform eingeben musst, damit beim Produzenten am Ende ein vorteilhafter Anzug rauskommt, ist Erfahrung. Die guten unter ihnen können das. Wer eine Körperform hat, für die nichts von der Stange funktioniert, ist auf so jemanden angewiesen. Mein Punkt ist nicht, dass alle MTM-Schneider scheiße sind. Mein Punkt ist: wer nicht muss, soll sich nicht durch einen Konfigurator quälen, wenn er stattdessen die Design-Vision von jemand kaufen kann, der was zu sagen hat.

Und ganz ehrlich, selbst beim guten MTM: der erste Versuch wird selten das, was du dir vorgestellt hast. Ich hab ein Maßhemd machen lassen, sauber gemessen, sieht objektiv top aus, alle Punkte erfüllt. Trage ich trotzdem kaum, weil es an der Brust eng ist und bei jeder Bewegung zwickt. Das ist die Falle: Du hakst deine Maße ab, auf dem Papier stimmt alles, und das Ergebnis ist trotzdem nicht, was du im Kopf hattest, weil dir selbst die Erfahrung fehlt. Dann kommt die Korrekturschleife, oft zwei oder drei, jede kostet. Bei einem anderen Stoff fängst du fast von vorne an, weil der sich wieder anders verhält. Bei Ready to Wear probierst du einfach an. Passt es, gut. Passt es nicht, schickst du es zurück oder verkaufst es weiter. Du lernst durch Anprobieren, nicht durch teure Iteration.

Unfinished Ready to Wear: Der unterschätzte Sweet Spot

Eine Marke mit klarer Designsprache produziert Kleidung in Standardgrößen, lässt aber bestimmte Dinge offen. Hosenbeine ungesäumt. Sakko-Ärmel ungekürzt. Das Grundkonzept stimmt: die Silhouette, die Proportionen, das Material, die Konstruktion, das kommt alles vom Designer. Aber die letzten Zentimeter, die deinen Körper betreffen, macht der Schneider um die Ecke.

Das ist im Grunde das Beste aus beiden Welten. Du bekommst die Design-Vision von jemandem, der weiß was er tut. Und du bekommst die letzte Anpassung an deinen Körper. Ohne dafür den Preis eines vollen Bespoke-Programms zu zahlen und ohne in den Konfigurator-Sumpf eines visionslosen MTM-Anbieters zu geraten.

Neu ist die Idee nicht. Simon Crompton hat 2008 auf Permanent Style genau so einen Laden beschrieben, als Konzept für die Lücke, die ihm im Markt fehlte:

"The shop would emphasise fit above all. To that end, it would carry a limited ready-to-wear line, but one with odd chest fittings as well as even – 39, 41 and 43 as well as 38, 40 and 42 – and with unfinished sleeves and trousers. The customer would pay a small surcharge on top of the suit price to have the sleeves and trousers finished for him to the correct lengths."

Achtzehn Jahre später gibt es aus diesem Konzept vor allem eines immer noch kaum: die ungeraden Brustgrößen. Ungesäumte Hosen bekommst du in jeder besseren Konfektion, eine 41 zwischen der 40 und der 42 fast nirgends. Der Rest steht: eine klare Linie, ein klarer Look, und die Anpassung passiert im Rahmen dieser Identität, nicht stattdessen.

Was das für dich bedeutet

Wenn du das nächste Mal überlegst, ob du „einen Anzug machen lassen" sollst, stell dir nicht die Frage: Ready to Wear oder Made to Measure?

Stell dir stattdessen diese Fragen:

Wessen Design-Vision kaufe ich? Gibt es eine Person, ein Studio, einen Schneider mit einem klaren ästhetischen Standpunkt hinter dem Produkt? Oder ist das nur ein Konfigurator, der meine Maße nimmt und mir Knopffarben anbietet?

Gefällt mir die Silhouette, bevor ich meine Maße kenne? Wenn du auf der Website oder im Showroom schon siehst, dass dir der Schnitt gefällt, gut. Dann macht die individuelle Anpassung Sinn. Wenn die Silhouette erst durch deine Eingaben entsteht, hat dir der Laden gerade seinen Job übergeben. Der Konfigurator reicht dir die Design-Verantwortung über den Tresen und nennt es Freiheit.

Maßanzug oder Konfektionsanzug ist die falsche Frage

Die alte Debatte Maßanzug vs Konfektionsanzug führt in die Irre. Die Leiter Ready to Wear, Made to Measure, Bespoke existiert nicht. Was existiert, ist ein Kontinuum von Anbietern. Sortiert wird trotzdem einfach, in zwei Schritten. Zuerst sortiert der Preis, ganz von selbst: Was außerhalb deines Budgets liegt, braucht dich nicht zu kümmern. Und gerade Ready to Wear und Maßkonfektion überschneiden sich preislich gewaltig, ganz anders als Bespoke, das eine eigene Preiswelt ist. Sie konkurrieren also um dasselbe Geld. Genau dort kommt der zweite Schritt, die wichtigste Achse für die Beurteilung, alles andere ist nachrangig: Hat jemand nachgedacht? Wer weiß, worauf er achten muss, und keinen Passform-Fetisch pflegt, bekommt im selben Preisfenster bei gutem Ready to Wear ein genauso gutes oder besseres Produkt.

Ein gut geschnittenes Konfektions-Sakko von Drake's hat mehr Designkompetenz in sich als die meisten Maßanzüge aus deutschen Innenstadtläden. Nicht weil Drake's teurer ist. Sondern weil dort jemand Entscheidungen getroffen hat, über Proportionen, Konstruktion, Stoff, die du als Kunde genießen kannst, ohne sie selbst treffen zu müssen.

Worauf du schaust, weißt du jetzt: Vision oder Konfigurator. Mehr Entscheidungen hinter den Stücken auf nielsklasing.com oder auf Instagram.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einem Konfektionsanzug und einem Maßanzug? Ein Konfektionsanzug wird fertig in Standardgrößen verkauft. Ein Maßanzug wird nach deinen Maßen gefertigt, wobei der Begriff alles abdeckt, von der industriellen Maßkonfektion bis zur Maßschneiderei mit eigenem Schnittmuster. Der Unterschied, der im Alltag zählt, ist nicht die Vermessung, sondern wessen Designentscheidungen in dem Anzug stecken. Bei gutem Ready to Wear und bei guter Maßarbeit hat sich jemand etwas dabei gedacht. Ein Konfigurator ersetzt das nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Maßschneiderei und Maßkonfektion? Maßkonfektion passt einen bestehenden Standardschnitt industriell auf deine Maße an, meist ohne Anprobe am halbfertigen Teil. Maßschneiderei entwickelt ein eigenes Schnittmuster und passt es in mehreren Anproben direkt am Werkstück an. Dazwischen liegt handwerklich und preislich mehr als eine Stufe.

Wie viel kostet ein guter Maßanzug? Die ehrliche Antwort: Fast jede konkrete Zahl zu dieser Frage stammt von jemandem, der dir einen verkaufen will. Die Spanne reicht über eine ganze Größenordnung, vom Online-Konfigurator bis zur Maßschneiderei, und die Zahl allein sagt wenig. Wichtiger ist, was im Preis steckt: Beim Maßkonfektionär zahlst du Zuschnitt-Stoff und Einzelfertigung mit, fürs gleiche Geld bekommst du bei gutem Ready to Wear oft mehr Stoff- und Verarbeitungsqualität. Entscheidend ist nicht, ob der Anzug nach Maß gefertigt wurde, sondern ob eine Design-Vision dahintersteht, die den Preis rechtfertigt.

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