Alles ist ein Kompromiss
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Ich habe gerade ein Foto von Yasin Tarabia gesehen, auf Instagram @yasintarabia. Er hatte einen dunklen Dreiteiler mit breiten bordeauxroten Streifen an. Allein der Stoff war schon so speziell, dass ich spontan dachte: Den hat er sich machen lassen. Dazu die breiten Revers am Sakko, die gerundeten Revers der Weste und eine knallrote Krawatte. So ein Zwanziger-, Dreißigerjahre-Ding, wobei, eigentlich eher die popkulturell überzeichnete Darstellung davon. Diese verklärte, dandyhafte, extrovertierte Vorstellung eines alten Anzugs.
Kann natürlich sein, dass es irgendeine abgefahrene Marke gibt, die genau das macht. Ich bin in dieser Welt nicht tief genug drin. Auf mich wirkte das wie ein One-of-one-Anzug.

Der Gedanke daran war: Wenn du jemand bist, der genau diesen Stoff haben will, dann hast du wahrscheinlich auch andere Vorstellungen. Und die muss erstmal jemand zusammenbringen. Du findest einen Custom-Laden, der den Stoff hat, aber der macht vielleicht nicht den Schnitt, den du willst. Dann findest du den Schnitt, aber den Stoff gibt es dort nicht. Du machst wieder einen Kompromiss.
Das hat mich an etwas erinnert, was ich bei meinen eigenen Sachen inzwischen ziemlich deutlich merke.
Ich habe ein paar Custom-Teile. Wirklich noch nicht viele, aber ein paar. Und bei denen denke ich hinterher jedes Mal: Das ist gut, das ist gut, das ist gut, aber das hier stört mich voll. Das hätte ich anders machen sollen.
Bei Vintage habe ich das gar nicht. Nie.
Ich habe eine olivfarbene Whitman-Chino von Polo Ralph Lauren, Made in USA, wahrscheinlich noch aus den Achtzigern. Im Schritt war eine Naht auf, easy fix. Unten am Bein ist ein leichter Umschlag dran, der Stoff ist komplett durchgerockt und ausgewaschen. Zwei, drei Flecken gehen nicht mehr weg.
Die ist genau so, wie sie ist, perfekt. Ich trage die ins Büro, ich trage die zur Kombi. Die Hose ist einfach so.
Da kommen keine tausend Hintergedanken: Die müsste so und so sein, das hätte ich anders machen sollen. Sie kommt, ich gucke sie mir an, ich trage sie. Irgendwann merke ich vielleicht bei einem Sakko: Wenn ich eins finden würde, das diese eine Sache anders macht, würde ich das hier austauschen. Aber das ist mehr ein Rauswachsen aus der Sache als eine eigene Entscheidung bereuen. Ich finde das sehr viel einfacher und entspannter.
In Vintage lernst du, das Teil zu nehmen, das da ist. Nehmen wir der Einfachheit halber an, jedes Teil gibt es einmal. Du kannst nach bestimmten Marken suchen, klar. Dafür muss damals aber erstmal genug davon produziert worden sein, es muss bis heute überlebt haben, der Style darf heute nicht scheiße aussehen und dann brauchst du das Ganze noch in deiner Größe und einem brauchbaren Zustand. Da kommt einiges zusammen.
Bei einer guten Marke, die heute produziert, hast du wenigstens die Chance auf eine gewisse Kohärenz. Wenn du etwas gefunden hast, das sie gut macht, macht sie das vielleicht in den nächsten Jahren weiter. Oder sie bringt ein ähnlich geartetes Produkt, das noch eine Lücke bei dir füllt. Bei Vintage steht erstmal dieses eine Teil vor dir.
Ist es den Kompromiss wert? Erfüllt es den Zweck? Was sind die Downsides? Oder probiere ich es erstmal aus und bin später mit einem Upgrade happy?
Diese Fragen verschwinden bei Ready to Wear, also fertig gekaufter Kleidung, nicht. Und bei Made to Measure, der Maßkonfektion, wird daraus: Kann der Konfigurator überhaupt das konfigurieren, was ich will? Wenn nicht, ist das, was er kann, genug?
In meinem Artikel über Maßanzüge und Konfektion ging es schon darum, warum ich diese vermeintliche Qualitätsleiter von Stange über Maßkonfektion zu Bespoke für Unfug halte. Ein Maßband entscheidet noch nicht darüber, wie eine Schulter aussehen soll oder welche Proportionen mir gefallen. Das hängt an dem Schnitt und den Entscheidungen dahinter. Auch bei MTM muss ich erstmal einen Anbieter finden, dessen Produkt ich haben will. Dass ich dort etwas konfigurieren darf, heißt nicht, dass alles zur Wahl steht.
Bei meinem Leinenanzug zum Beispiel macht die Einlage eine schöne Brust. Die Verarbeitung ist ordentlich. Nur ist mir die Einlage für einen leichten Leinenanzug zu dick. Darüber hatte ich bei der Bestellung gar nicht nachgedacht. Später habe ich gefragt: Half Canvas oder Full Canvas ging, ein anderes Gewicht des Half Canvas nicht. Ich konnte also selbst nachträglich, als ich wusste, was mich störte, diese Option nicht einfach wählen.
Kompromisse bleiben. Und ich glaube, die informiert abzuwägen, ist ein ziemlich großer Teil dessen, was man für guten Stil können muss. Welche Abweichung stört mich wirklich? Mit welcher kann ich problemlos leben? Wo lohnt sich das Upgrade?
Nur scheint es für mich einen Unterschied zu machen, ob das Teil schon so existiert oder ob ich daran mitentschieden habe. Bei meinen Custom-Sachen denke ich darüber nach, wie es hätte sein können. Bei der Whitman ziehe ich die Hose an. Ich kann mir vorstellen, dass ich damit nicht alleine bin.
Das Ganze läuft über Versuchen und Iteration. Ein paar Sachen kannst du dir anlesen und Leuten vertrauen, deren Urteil du gut findest. Das ist ja auch sinnvoll. Nur haben die vielleicht einen anderen Style, gewichten etwas anders oder drücken sich schlecht aus. Ich merke das bei mir selbst: Mein Filter macht mich blind für Sachen, die er nicht erkennt. Mehr wissen heißt deshalb noch nicht, vor dem ersten Tragen jede relevante Frage gestellt zu haben.
In meinem Capsule-Wardrobe-Artikel habe ich beschrieben, wie ich das mache: ausprobieren, tragen, behalten oder weitergeben. Am Anfang viel, später wird es ruhiger. Wenn du deinen Hemdentyp gefunden hast, kannst du nachkaufen. Du musst nicht für immer alles durchwechseln. Aber du lernst erst über die Sachen, welche Eigenschaften für dich tatsächlich wichtig sind.
Und dein Geschmack verändert sich sowieso. Davon bin ich überzeugt. Auch das perfekte Stück hat insofern vielleicht ein Ablaufdatum, weil du irgendwann etwas anderes willst. Dass du heute alles selbst entscheiden darfst, schafft diese Entwicklung nicht ab.
Vielleicht mag ich an meinen Vintage-Sachen auch deshalb, dass sie einfach so sind, wie sie sind. Ich kann sie jetzt gut finden und später aus ihnen rauswachsen, ohne dazwischen ständig darüber nachzudenken, was ich anders hätte bestellen sollen.
Kennt ihr das auch? Dieses Gefühl, dass an einem selbst konfigurierten Teil eigentlich sehr viel gut ist, ihr aber immer wieder bei der einen Entscheidung landet, die ihr rückblickend anders treffen würdet?