Take Ivy: Was ein Buch retten kann
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Es gibt ein Fotobuch aus dem Jahr 1965, das bis heute als das Nachschlagewerk für einen durch und durch amerikanischen Stil gilt. Es heißt Take Ivy, es zeigt Studenten an acht amerikanischen Elite-Unis, und es ist japanisch. Ein japanisches Team ist über den Pazifik gefahren, um zu fotografieren, wie amerikanische Studenten sich anziehen, und das Ergebnis wurde zum Maßstab dafür, was Ivy eigentlich ist.
Die berühmte Zusammenfassung dieser Geschichte steht im Untertitel von W. David Marx' Buch Ametora und lautet: How Japan Saved American Style. Marx hat das gründlich recherchiert, er lebt seit Jahren in Tokio und ich habe nicht vor, ihm zu widersprechen. Mich interessiert eine andere Frage, und sie fängt genau da an, wo die Rettungs-Erzählung aufhört.
Wovor musste dieser Stil eigentlich gerettet werden? Und was genau wurde da gerettet?
Meine Antwort in drei Sätzen, und der Rest des Textes ist der Beleg dafür. Verfügbarkeit erzeugt Stile. Aufschreiben fixiert die Form. Aber am Leben hält eine Praxis nur ein Anlass. Take Ivy ist deshalb so ein gutes Beispiel, weil das Buch alle drei Stufen dokumentiert, zwei davon versehentlich.
Was Take Ivy ist
Take Ivy ist ein Fotoband, erschienen Ende September 1965 beim japanischen Verlag Fujingahosha. Die Fotos stammen von Teruyoshi Hayashida, die Texte von Shosuke Ishizu, Toshiyuki Kurosu und Hajime Hasegawa. Das Team bereiste die acht Universitäten der Ivy League und hielt fest, was die Studenten dort tatsächlich trugen. Bezahlt hat die Reise Kensuke Ishizu, der Gründer der japanischen Marke VAN Jacket, weil seinen Kunden schlicht das Wissen fehlte, wie amerikanischer College-Stil in echt aussieht. Der Titel ist eine Anspielung auf Dave Brubecks Take Five. Das Buch wurde in Japan zum Standardwerk, in den USA jahrzehntelang zum gesuchten Sammlerstück und 2010 auf Englisch neu aufgelegt.
So weit die Fakten. Die interessante Frage ist, warum es dieses Buch überhaupt geben musste.
Die Garderobe kam aus dem Army-Surplus
Du kennst die bequeme Version davon, wie Stile entstehen: Leute wollen etwas, dann wird es gemacht. Bei Ivy war es andersherum. Da fängt die ganze Geschichte an.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zwei Dinge zusammen. Millionen Soldaten wurden entlassen, und der GI Bill, das Gesetz von 1944, das heimkehrenden Veteranen das Studium bezahlte, schickte eine ganze Menge von ihnen an Universitäten, an die sie sonst nie gegangen wären. Gleichzeitig lagen die Army-Surplus-Stores voll mit Zeug, das der Krieg übrig gelassen hatte. G. Bruce Boyer, einer der wenigen Menswear-Autoren, denen ich blind glaube, beschreibt das Ergebnis bei Ivy Style so:
"With the huge de-mobbing of soldiers after the war, coupled with the GI Bill for higher education, these durable tan cotton trousers became an essential part of the casual campus wardrobe. If a student had a pair or two of khakis, a Shetland sweater, a tweed jacket or blazer, and a few oxford-cloth buttondowns, he was pretty well set."
Lies die Liste ruhig nochmal: Das ist die komplette Ivy-Grundausstattung, und sie steht da als Aufzählung dessen, was ein Student eben hatte. Nicht als Stilentscheidung. Kein Student hat gesagt: „Yo, Modeindustrie, produzier mal für die coolen Studenten Chinos.“ – That's the wrong way around. Die Hosen waren da, sie waren billig, sie waren in allen Größen zu haben und dann spricht sich das rum. Guck mal, ich habe hier fünf gute Hosen für einen Appel und ein Ei bekommen, hol dir die doch auch. Dazu die abgelegten Shetland-Pullover vom Vater oder vom Onkel, und schon wird ein Schuh draus.
Das Schönste an dieser Sache ist, dass die Amerikaner selbst genau das schreiben. Christian Chensvold, der Ivy Style gegründet hat und damit ungefähr das Gegenteil eines Nestbeschmutzers ist, hat für Ralph Lauren Magazine ein Gedankenexperiment aufgeschrieben, das es nicht in den fertigen Artikel geschafft hat:
"If World War II hadn't happened, there would have been no GI Bill that sent countless young men to college who might not otherwise have gone. There also wouldn't have been tons of khakis available across the country at army surplus stores. The default pant countless American men have worn for over 60 years might instead have been — well, something else."
Das ist ein ziemlich radikaler Satz für jemanden, der diesen Stil liebt, und ich finde ihn gerade deshalb überzeugend. Verfügbarkeit hängt nicht am Wunsch zu kaufen, sondern an ganz anderen Zufällen. Und wenn die Zufälle sich ändern, ändert sich der Stil mit.
Wie genau das aussieht, erzählt im selben Text ein Mann namens Bill Thomas. Er hatte als Student in einem Army-Navy-Store eine originale Weltkriegs-Khaki anprobiert und danach nur noch dort gekauft. Dann passierte das hier:
"So I started buying all my pants at the surplus store. And then one day they ran out. There weren't any more, the supply dried up. Period."
Der Nachschub versiegt. Erst danach, 1990, gründet Thomas eine Firma, nur um diese Hose wieder herzustellen. Merk dir diese Reihenfolge, sie kommt später nochmal.
Das war die erste Stufe, die einzige, die nie jemand geplant hat: Verfügbarkeit erzeugt Stile. Und Take Ivy hält sie fest, ohne es zu merken, denn die Garderobe auf seinen Fotos ist die aus Boyers Liste.
Aus Bildern wurden Regeln
Jetzt kommt der Teil, an dem ich mich beim Nachdenken selbst korrigieren musste.
Mein erster Gedanke war: Das war ja gar kein richtiger Stil, das war nur was Gelebtes. Es gab keine Online-Communities, die das diskutiert haben, keine Nerds, die über Bewahrung und Korrektheit reden, und mit ziemlicher Sicherheit auch keine Uni-Zeitschrift über Modetrends. Die Leute trugen, was gerade opportun war, wuchsen da raus, und dann kam was Neues. So funktioniert Mode, wenn sich niemand als Nerd damit auseinandersetzt.
Das stimmt so aber nicht, und das Gegenargument ist ziemlich hart. Wenn J. Press, Brooks Brothers, der Andover Shop und Chipp diese Sachen jahrzehntelang gemacht, verkauft und zelebriert haben, dann gab es den Stil natürlich. Dann war das schon ein Stil von denen. Man kann schlecht behaupten, etwas habe nicht existiert, das über Jahrzehnte in denselben Läden in derselben Form hergestellt wurde.
Man muss hier allerdings zwei Schichten auseinanderhalten. Der Classic Ivy dieser Läden, die Sack Suits von J. Press und Brooks, war nie Surplus-Ware, das war gefertigte Konfektion mit Preisschild. Die Surplus-Schicht ist die Campus-Garderobe darunter, Khakis, OCBD, Shetland, das Zeug aus Boyers Liste. Und der japanische Ivy ist noch einmal etwas Drittes: eine Rekonstruktion aus Bildern, die beide Schichten zu einem einzigen Kanon zusammenzieht.
Also nochmal genauer. Es fehlte nicht der Stil. Es fehlte der Text.
Und das Schöne ist, dass genau das im Buch selbst steht, aufgeschrieben von den Japanern, die extra angereist waren. In ihrem Rückblick auf die Reise notieren sie über die amerikanischen Studenten (zitiert nach Daniel Covells Besprechung des Buchs):
"Students do have an unwritten dress code that they faithfully observe, despite the seemingly disorderly manner in which they dress."
Die Fremden sehen die Regel, die die Einheimischen befolgen, ohne sie je formuliert zu haben. Und weil die Japaner Regeln brauchten, um den Stil zu Hause verkaufen zu können, wurden aus den Bildern Regeln. Take Ivy selbst ist fast nur Fotografie. Die eigentliche Kodifizierung passierte drumherum, in der Szene, die das Buch als Ausgangspunkt nahm und danach alles durchkodifizierte, mit einer Gründlichkeit, die es im Westen nirgends gab. VAN hat das nicht mal versteckt, sondern als Mission erklärt, nachzulesen in einem Auszug aus Marx' Ametora:
"When you buy medicine, the instructions are always included. There is a proper way of taking the medicine, and if you do not take the medicine correctly, there may be adverse effects. Same goes for dressing up—there are rules you cannot ignore. Rules teach you style orthodoxy and help you follow the correct conventions for dress. Starting with Ivy is the fastest way to get you there."
Kleidung als Medikament mit Beipackzettel. Kurosu, einer der Take-Ivy-Autoren, führte im Magazin Men's Club eine Frage-und-Antwort-Kolumne und beantwortete darin Detailfragen mit einer Genauigkeit, die man in westlichen Stilkolumnen der Zeit vergeblich sucht. Zum offenen Button-Down-Kragen etwa sagt er:
"It has to feel natural. It's the absolute worst if other people think you've left them intentionally unbuttoned."
Das ist ein Mann, der Anfang zwanzig war und nie in den USA gelebt hatte, und er legt fest, wie ein offener Kragen zu wirken hat. Genau das ist der Punkt, und deshalb ist es kein Vorwurf, sondern eine Leistung: Wenn diese Grenzen nicht aufgeschrieben werden, dann hält den Stil nichts davon ab, sich ins Unkenntliche weiterzuentwickeln.
Aufschreiben ist keine Dokumentation. Aufschreiben ist ein Anker gegen Drift. Ein Laden kann die Drift nicht stoppen, ein Laden läuft mit ihr mit, weil er verkaufen muss, was gerade geht. Erst ein Text friert die Form ein. Deshalb gibt es Black Tie noch, und deshalb finden die meisten Subkulturen-Moden schlicht nicht mehr statt. Die sind einfach vorbei.
Das ist die zweite Stufe, die einzige der drei, die mit Absicht passiert ist: Aufschreiben fixiert die Form.
Und jetzt die unbequeme Einschränkung, die ich nicht unterschlagen will. Die Amerikaner haben durchaus etwas aufgeschrieben. In Take Ivy selbst ist Yales 20-Article Dress Code von 1965 abgedruckt, eine Handreichung für Erstsemester. Es gab also einen geschriebenen Code und trotzdem hat er nichts gerettet. Woran das liegt, steht in derselben Liste.
Ohne Anlass hilft der beste Text nichts
Der vierte Artikel dieses Yale-Codes lautet:
"Article 4: When going on a date or to restaurants, wear a sports jacket and tie."
Das ist keine Stilempfehlung. Das ist eine Zuordnung von Kleidung zu einer Situation. Und dieselbe Logik zieht sich durch das ganze Buch. Im Schlussteil beschreiben die Autoren, was nach dem Abschluss passiert:
"Once the Ivy Leaguer starts working, the way they dress changes dramatically. They are no longer allowed to stroll around in their old cotton trousers and sneakers. Instead, they have to wear dark suits and can no longer act like carefree students."
No longer allowed. Have to. Da spricht kein Geschmack, da spricht eine Verpflichtung. Was den Anzug jahrzehntelang am Körper gehalten hat, war nicht die Schönheit des Anzugs, sondern die Tatsache, dass es Situationen gab, in denen etwas anderes nicht ging. Ein schlechtes Outfit hat keine sozialen Folgen. Ein unpassendes Outfit schon. Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist das gesamte Thema.
Das ist die dritte Stufe, und auch sie steht im Buch nur versehentlich: Nur ein Anlass hält die Praxis am Leben.
Und genau hier stimmt die schöne Geschichte vom rettenden Buch nicht mehr. Denn der bestkodifizierte Ivy-Stil, den es je gab, war der japanische, und er ist gestorben. VAN Jacket, die Firma, die den Stil in ein Regelwerk übersetzt hatte, meldete 1978 Insolvenz an. Marx beschreibt den Grund unsentimental:
"Ivy League style fell out of fashion among kids, and the diehard fans refused to bend it to match contemporary tastes. In 1978, VAN declared bankruptcy, and Ishizu faded into obscurity."
VAN kam Anfang der Achtziger nochmal zurück und ging 1984 erneut pleite. Die heutige Marke hat mit der Familie Ishizu nichts mehr zu tun (Marx über Ishizu und VAN). Das Regelbuch war perfekt, die Kunden waren weg. Aufschreiben hat die Form gerettet, aber es hat kein einziges Kleidungsstück auf einen Körper gebracht.
Wie das heute aussieht, kannst du in Yale nachlesen. Zum sechzigsten Geburtstag von Take Ivy hat die Yale Daily News Studenten gefragt, was ihnen das Buch bedeutet. Einer von ihnen, Saketh Sadhanala, sagt:
"We're far less formal today than the past. 'Ivy style,' to me, isn't 'law' but more of a place to draw inspiration. I balance expressing myself while nodding to tradition."
Sein Kommilitone Griffin Santopietro, der für J. Press modelt, formuliert es noch knapper: "There's no reason to be didactic about it." Das Buch existiert also weiter, es steht in Regalen in New Haven, es wird benutzt und es ist trotzdem kein Gesetz mehr, sondern eine Inspirationsquelle. Genau das ist der Unterschied zwischen einer fixierten Form und einer lebenden Praxis.
Und jetzt die Pointe, die mir an der ganzen Sache am wenigsten gefällt, weil sie uns selbst trifft. Unsere Bubble kodifiziert gerade wie verrückt. Im Wiki von r/NavyBlazer stehen unter anderem ein Guide to Collar Roll, ein Guide to Chinos, ein Guide to the OCBD, ein Guide to Color, dazu Abhandlungen darüber, ob man Hosen umschlagen sollte und wie viel Break richtig ist. In der Leseliste desselben Wikis liegt Take Ivy als PDF. Du kommst heute so leicht an so präzises Wissen über klassische Herrenmode wie noch nie. Es waren noch nie so wenige Anlässe da, bei denen es einen Unterschied macht.
Wir haben perfekt dokumentiertes Wissen über Kleidung, für die kaum jemand mehr einen Grund hat. Falls dir die Struktur bekannt vorkommt: Es ist derselbe Mechanismus, der die Krawatte aus dem Alltag geholt hat. Warum der weggefallene Zwang gleichzeitig ihre Chance ist, steht im Text über die Krawatte im Mainstream.
Es erklärt übrigens auch, warum es keine echten Strömungen mehr gibt. Du kannst heute 60s, 70s, 80s oder 90s machen, wie auch immer du willst. Nobody bats an eye. Das ging früher nicht. Eine Strömung braucht, dass etwas gerade dran ist und etwas anderes nicht. Wenn alles gleichzeitig verfügbar und erlaubt ist, kann nichts mehr fließen. Verfügbarkeit hat Ivy damals ausgewählt. Heute wählt sie nichts mehr aus, weil alles verfügbar ist.
Ich habe für diese Stelle nach Anlässen gesucht, die mir tatsächlich noch etwas vorschreiben. Gefunden habe ich genau einen: die Beerdigung. Da war Anzug, dunkel, alles. Auf der letzten Hochzeit dagegen bin ich mit einer zurückhaltenden, sehr klassischen Kombi aufgetaucht, Blazer, Krawatte, weil vorher klar war, dass da keiner im Anzug kommt. Hemd war da schon Peak Performance, und damit war ich schon mit der Bestgekleidete. Das ist der Zustand, um den es hier geht: Der Anlass schreibt nichts mehr vor. Ich lese die Audience. Wüsste ich, dass die Hälfte der Gäste im Anzug kommt, käme ich im Anzug. Der Code kommt nicht mehr von der Situation, er kommt von den Leuten, die zufällig da sind.
Was gegen diese These spricht
Drei Einwände, die ich für ernst halte.
Erstens war der Fall nicht einmalig. Ich war mir bis vor kurzem sicher, so etwas werde es kein zweites Mal geben. Das ist falsch, und zwar zweimal falsch. Bill Thomas hat 1990 in Pennsylvania eine Firma gegründet, um die Weltkriegs-Khaki nachzubauen, nachdem der Surplus-Nachschub versiegt war. Und die japanischen Repro-Marken rekonstruieren bis heute nicht den Ivy-Look, sondern das Army-Original darunter. Simon Crompton schreibt bei Permanent Style über zwei davon:
"The Warehouse 1216 chino is based off the same US Army officer model as the Jelado, but uses a more conventional cotton in a nice right-hand twill (often called a Westpoint cloth)."
Dieselbe Ausgangshose, zwei Marken, Jahrzehnte später. Das macht die Sache aber nicht schwächer, sondern stärker: Es ist kein Zufall, sondern ein Verfahren. Verfügbarkeit endet, jemand vermisst das Teil und dann wird aus dem, was vorher einfach da war, ein bewusst hergestelltes Produkt mit Beschreibung.
Zweitens ist Ivy in Amerika nie verschwunden. J. Press hat durchgehend existiert, Ralph Lauren hat aus genau diesem Look ein Imperium gebaut, Boyer und Chensvold schreiben seit Jahrzehnten darüber. Wer behauptet, Amerika habe seinen Stil weggeworfen und Japan habe ihn aufgefangen, macht es sich zu einfach. Was tatsächlich passiert ist: In Amerika überlebte der Stil als Liebhabersache, in Japan wurde er in ein System übersetzt. Garderoben reisen nicht, Bücher schon. Das ist der ganze Unterschied, und es ist ein Unterschied im Medium, nicht in der Ernsthaftigkeit.
Drittens gibt es eine gute Gegenposition zur Kodifizierung überhaupt. Tom Hoy, dessen Text zu Take Ivy in den Suchergebnissen direkt neben diesem hier landen dürfte, sieht Ivy nicht als Regelwerk, sondern als Haltung, und schreibt: "Style never goes out of fashion, but fashion goes out of style." Das ist die westliche Standardposition und sie ist nicht dumm. Sie hat nur ein praktisches Problem: Eine Haltung beantwortet keine Kragenfrage. Ein Regelwerk schon. Deshalb liegt heute deren Buch auf dem Tisch und nicht unseres.
Was ich daraus mitnehme
Kultur lässt sich nicht durch etwas Aufgeschriebenes erzwingen. Kultur entsteht durch Freiwilligkeit, und Kulturschaffen ist wahrscheinlich eine der komplexesten Sachen, die man überhaupt machen kann. Das Aufschreiben kann eine Form konservieren, damit du später noch weißt, wovon die Rede war. Es bringt keinen Menschen dazu, morgens etwas anzuziehen.
Für mich hat das eine ziemlich direkte Konsequenz und ich will sie nicht größer machen, als sie ist. Ich bin in dieser Geschichte kein Erfinder und kein Museum. Ich bin Kurator. Ich lasse mich von Begeisterung anstecken und gebe sie weiter, und dabei halte ich stur an ein paar Qualitätsstandards fest. Das kommt aus dem Vintage-Leben: Wer kaufen muss, was gerade da ist, entwickelt zwangsläufig ein Sieb. Das Teil, das zu hundert Prozent passt, in genau der Konfiguration, findest du nie. Das Neunzig-Prozent-Teil findest du schon. Ein paar Dinge sortiert das Sieb kompromisslos aus, bei Designelementen und Konfigurationen lässt es Spielraum. Gut genug ist das Kriterium, nicht perfekt.
Und weil das sonst nach Predigt klingt, gehört der unangenehme Teil dazu: Genau dieses Sieb macht mich manchmal zu schnell. Ich lehne Sachen ab, weil ich sie nicht kenne oder weil sie so anders kodifiziert sind, dass sie nicht in meine gelernten Muster passen. Das Sieb, das einen gut macht, macht einen auch blind für das, was es nicht kennt.
Was ich anbiete, ist also kein Anlass. Was übrig bleibt, wenn kein Dresscode mehr etwas verlangt, ist erstmal nur ein Grund: Man will es. Das klingt dünn, ist aber der einzige Antrieb, der heute noch funktioniert. Und er reicht erstaunlich weit, denn es braucht keine Millionen. Es reichen ein paar hundert, die dasselbe sehen, und die findet man heute, was vor zwanzig Jahren unmöglich gewesen wäre.
Wie das aussieht, kann ich genau sagen. Ich arbeite in einem Herrenmodeladen und bin dort der Einzige, der eine Krawatte trägt. Ich gehe morgens in den Hinterhof und verbringe neunzig Prozent des Tages unten im Keller. Es gibt keinen Menschen, für den ich die Krawatte anziehen müsste. Ich mache es, weil ich Bock darauf habe. Mehr Anlass ist nicht übrig. Es reicht.
Und wer doch einen will, macht sich inzwischen selbst welche. Im Sartorial-Discord von Philipp und Philip verabreden sich Leute zu Community-Treffen, mal mit sechs, mal mit zehn, mal mit fünfzehn Mann. Irgendwer macht sich Gedanken und sagt: Das hier ist jetzt das Event, das wir brauchen, um das zu machen, was wir wollen. Für diesen Abend existiert der Code wieder, entstanden aus dem einzigen Material, aus dem Kultur überhaupt entsteht: Freiwilligkeit. Ein weiteres schönes Beispiel kommt aus Dortmund: Das Team von House of Mercury rund um meine Lieblingshalsabschneider Felix und Pablo richtet regelmäßig solche Events aus. Ganz uneigennützig ist das selbstverständlich nicht, aber die beiden würden es auch nicht machen, wenn sie nicht mit Herz und Seele bei der Sache wären.
Take Ivy ist deshalb kein Denkmal für einen geretteten Stil. Es ist der Beweis, dass man eine Form festhalten kann, wenn man sich die Mühe macht, sie zu beschreiben. Ob sie danach jemand trägt, entscheidet das Buch nicht.
Häufige Fragen
Was ist Take Ivy? Ein japanischer Fotoband von 1965 über die Kleidung an den acht Universitäten der Ivy League. Fotos von Teruyoshi Hayashida, Texte von Shosuke Ishizu, Toshiyuki Kurosu und Hajime Hasegawa, erschienen bei Fujingahosha. Finanziert wurde die Reise von Kensuke Ishizu, dem Gründer der japanischen Modemarke VAN Jacket, als Orientierungshilfe für dessen Kunden.
Warum ist Take Ivy so bekannt? Weil es die erste systematische Aufnahme eines Stils war, den bis dahin niemand aufgeschrieben hatte. Die Amerikaner folgten einem ungeschriebenen Code, die Japaner brauchten einen geschriebenen und haben ihn deshalb erstellt. Das Buch wurde in Japan zum Standardwerk und ist bis heute die meistzitierte Quelle dafür, wie Ivy Mitte der Sechziger tatsächlich aussah.
Was bedeutet Ametora? Ametora ist die Kurzform von American Traditional und bezeichnet die japanische Auslegung klassischer amerikanischer Kleidung. Bekannt wurde der Begriff durch W. David Marx' Buch Ametora von 2015, das beschreibt, wie amerikanischer Stil nach Japan kam und dort weiterentwickelt wurde.
Lohnt sich das Buch heute noch? Als Nachschlagewerk ja, als Regelbuch nein. Du siehst darin sehr genau, wie Kleidung 1965 auf dem Campus wirklich getragen wurde, inklusive der unordentlichen Details. Wer es als verbindliche Anleitung liest, macht daraus etwas, das es nie sein wollte. Die heutigen Studenten in Yale sehen es selbst als Inspirationsquelle und nicht als Gesetz.
Hat Japan den Ivy-Stil gerettet? Japan hat die Form gerettet, indem es sie aufgeschrieben und weiterentwickelt hat. Die Praxis hat es nicht gerettet: VAN Jacket, die Marke hinter Take Ivy, ging 1978 und erneut 1984 insolvent, als die japanische Jugend weiterzog. In den USA überlebte der Stil parallel als Liebhabersache, unter anderem bei J. Press und Ralph Lauren.
Wer war Kensuke Ishizu? Der Gründer von VAN Jacket, geboren 1911, gestorben 2005. Er lernte den Begriff Ivy League nach dem Krieg in China durch einen amerikanischen Leutnant kennen, der in Princeton studiert hatte, gründete 1951 in Japan seine Marke und baute den Ivy-Stil dort ab den späten Fünfzigern zu einer Jugendbewegung aus. Die Take-Ivy-Expedition von 1965 hat er bezahlt.